Ausschnitt 1, S.38-39
24.11.1976
Sie suchen nach deinen Schwachpunkten. Und Schwachpunkte sind die Menschen, die du liebst. Sie wollen dich verletzen, zu Reaktionen zwingen, Panik und Angst erzeugen. Das, was sie dir sagen, sind Andeutungen. Du sollst weiterdenken und weiterfühlen. Informationssperre, -auswahl, -verzerrung, Falschinformationen, Teilwahrheiten und Wahrheiten, die dir unangenehm sind, werden ausgewählt. Was ist wie und wo einzuordnen? Die Beantwortung dieser hochbedeutenden Fragen wird um so schwieriger, je länger du in Haft bist, je mehr <<Außen-Film>> fehlt. Das wissen sie. Damit rechnen sie. Danach handeln sie. Gezielt, kundig, ohne moralische Schranken. Du bist ein <<Feind>>. Der Einsatz vielfältiger Mittel ist erlaubt, wenn nur der <<Sieg>> errungen wird. Und ihr <<Sieg>> ist deine Niederlage, dein Zusammenbruch, deine Unterwerfung, die sie <<Einsicht>> nennen oder <<Mitarbeit am Verfahren>>.
Ausschnitt 2, S. 48
26.11.1976
Da du nicht weißt, wann sie dich zum Verhör holen, bist du ständig in Erwartung. Heute holen sie dich nicht, aber das wissen nur sie. Du musst davon ausgehen, dass sie dich holen. Plötzlich kann die Tür aufgeschlossen werden, plötzlich kann jemand in der Tür stehen und irgend etwas sagen oder tun. Auf dieses <<plötzlich>> kommt es ihnen an. Natürlich wissen sie, dass du ständig auf dem Sprung bist und keine Ruhe findest. Heute holen sie dich nicht, aber das weißt du nicht. Erst am Abend wirst du wissen, dass tagsüber keiner kam und die Zelle aufgeschlossen hat. Du wirst einen ganzen Tag warten, alle Flurgeräusche registrieren, hin und wieder aufspringen, wenn Nachbarzellen geöffnet oder verschlossen werden. Heute wirst du nicht geholt, aber das weißt du nicht. Morgen erst kannst du sagen: Gestern kam keiner, gestern wurde ich nicht geholt.
Ausschnitt 3, S. 63
02.12.1976
Sie wollen dich uneingeschränkt beherrschen. Sie sagen: Alle zehn Tage können Sie einen Brief an Ihre Frau schreiben. Und dann lesen sie dir vor, dass der Staatsanwalt alle <<persönlichen Verbindungen>> genehmigen muss. Er hat dir also genehmigt, einen Brief zu schreiben. Möglicherweise wird er dies alle zehn Tage gestatten. Aber nur, wenn er will. Er muss nicht. Du hast nicht das Recht zu schreiben, sondern dir wird etwas <<gestattet>>, gnädigerweise. Du hast keine Rechte, sondern im günstigsten Fall Privilegien, für die du wahrscheinlich noch dankbar sein sollst. <<Einen Brief schreiben>>, das heißt nicht nur, mit einem Kugelschreiber ein Blatt kleinkariertes Papier zu füllen, sondern das heißt auch, alle Einschränkungen zu beachten, die Hauptsache nicht zu schreiben, einen Text zu formulieren, der deinen eigentlichen Zustand kaschiert, die wesentlichen Gedanken und Gefühle ausspart. Du sollst mitspielen, du sollst deiner Frau nicht das sagen, was du ihr gern sagen möchtest, sondern nur das, was vorgeschrieben ist. Durchbrichst du diese <<Auflage>>, wird der Brief nicht abgeschickt, es sei denn, du formulierst neu. <<Einen Brief schreiben>>, das heißt auch, ertragen zu müssen, wie ein fremder Mensch, der sich feindlich verhält, deinen Brief ergreift, vor sich auf die Schreibtischplatte legt und sorgfältig zu lesen beginnt, Bemerkungen macht, Korrekturen fordert oder seine Segen erteilt: <<So geht es.>> Mal sehen, sagen sie, wie das Rennen steht, wie es innen aussieht, mal sehen sagen sie, was er schreibt.